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Ein gesunder Pferdemagen beginnt im Dickdarm.

Wir hören im Stall häufig Sätze wie „Das ist ein Magenpferd“. oder „Der bekommt immer wieder Magenprobleme, sobald der unter Stress gerät“.

So ernsthaft wir entzündliche Magenschleimhautprobleme unserer Pferde erkennen und behandeln müssen, so deutlich muss man sich auch immer wieder vor Augen halten:

„Der Verdauungsapparat des Pferdes ist keine Fehlkonstruktion!“* 

Es kann wirklich der Eindruck entstehent, dass der Magen von Pferden nun mal einfach empfindlich ist, oder noch schlimmer, dass Magenprobleme zum Alltag im Stall dazu gehören und man am besten gleich eine Portion Medikamente im Schrank haben sollte.

Wir sehen das Thema „Magen“, wie so vieles, durch unsere „menschliche Brille“: Wenn wir als Menschen ein Problem mit der Verdauung haben, beginnt alles mit dem Magen. Wir haben einen „nervösen Magen“, „uns schlägt alles auf den Magen“. Unser Magen entleert sich über das Brechzentrum, wenn wir etwas Falsches gegessen haben, was im Magen nichts zu suchen hat (was das Pferd im übrigen nicht kann). Wir schlucken, einfach weil es lecker ist, im Übermaß säurebildende Substanzen, wie Zucker oder Alkohol, um dann an Sodbrennen zu leiden. Bestenfalls stellen wir auf eine magenfreundlichere Ernährung um oder wir greifen direkt zu säurehemmenden Medikamenten, sogenannten Protonenpumpenhemmern wie Omeprazol, die schnelle Hilfe versprechen.

Dieselbe Substanz im übrigen, die vom Tierarzt unseren Pferden unter dem Markennamen Gastrogard® verordnet wird und vielen Pferdebesitzern daher bestens bekannt ist.

Wir haben alle mittlerweile gut verstanden, dass das Pferd ein Dauerfresser ist, keine Fresspausen von mehr als 4 Stunden verträgt und mindestens 12 Stunden des Tages mit Futtersuche und -aufnahme beschäftigt sein muss.

Viele Pferdebesitzer scheinen aber mittlerweile irgendwie der Überzeugung zu sein, dass man deswegen Heu füttert, "damit es dem Magen des Pferdes gut geht". Oder damit die Fresspausen zwischen den Kraftfuttergaben nicht zu lang werden. Schlichtweg, damit der Magen was zu tun hat und sich die ach so empfindliche, drüsenlose Schleimhaut nicht mehr entzündet.

Aber wir müssen den Blick weiten!

 

Das Wunderwerk "Rohfaserverwertung"

Wir füttern unseren Pferden Rohfaser, nicht um einen empfindlichen Magen zu therapieren, sondern ganz einfach weil sie sich davon ernähren. Und zwar nicht nur das „Magenpferd“, sondern jedes Pferd:

Der gesamte Verdauungsapparat des Pferdes ist darauf ausgelegt ist, die Substanz „aufzuknacken“, die die allermeisten Säugetiere unverwertet wieder ausscheiden: Rohfaser – trockene, holzige, faserige Gerüstsubstanzen, langkettige Faserzucker, Holzstoffe, sogenannte Beta-o-glykosisidische Verbindungen. Das, was in unserer menschlichen Ernährung schlicht als „Ballaststoff“ bezeichnet wird und genau so, wie wir es verschlucken, auch wieder ausgeschieden wird. Eben unverdaut und nicht verwertet. Uns Menschen und allen Säugetieren, fehlt das entsprechende Enzym, die Cellulase, um Ballaststoffe „aufzuknacken“ und in Energie umzusetzen. Evolutionsbiologisch hat das Pferd eine erfolgreiche Nische gefunden und verwertet, was andere nur „durchschleusen“. Obwohl auch Pferde selbst nicht über Cellulase verfügen, gelingt es ihnen, die holzigen Gerüstsubstanzen im trockenen Raufutter wie Heu und Stroh aufzuspalten. Das passiert im übrigen nicht im Magen oder den vorderen Darmabschnitten des Dünndarms. Sondern im hinteren Pferdedarm – im großen Blinddarm und Colon. Und zwar mithilfe von Milliarden an Einzellern, die in Endosymbiose mit dem Pferd leben und quasi „in seinem Auftrag“ diese faserigen Substanzen aufknacken, indem sie in ihrem eigenen Stoffwechsel Cellulase bilden. So entstehen mithilfe der Mikroben im hinteren Teil des Verdauungstrakts aus vermeintlichen Ballaststoffen flüchtige Fettsäuren, die über die Darmwände absorbiert werden.

Und von eben diesen so entstandenen „SCFAs, Short-Chain-Fatty-Acids“, ernährt sich das Pferd!



Im Dickdarm passiert die Magie

Das Pferd vollbringt seine hauptsächliche Verdauungsleistung in den hinteren Darmabschnitten, Blinddarm und Colon. Es ist ein sogenannter „Hind-Gut-Fermenter“. Bei Pferden findet die Gesundheit des Verdauungssystems also so gesehen im Dickdarm ihren Anfang, nicht im Magen.

Daher muss auch jede Magenproblematik beim Pferd „von hinten gedacht werden“. 

Neben der Produktion der SCFAs ist der gesunde Blind- bzw. Dickdarm des Pferdes übrigens auch Entstehungsort vieler wichtiger Vitamine, wie zB dem B-Komplex, essentiell für Energie- und Nervenstoffwechsel. Oder dem Vitamin H (Biotin), das für gute Hufe, Haut, Haar verantwortlich ist.

Ist die Mikroflora dort im Gleichgewicht, hat im Rückschluss der gesamte Verdauungsapparat des Pferdes in Balance.


Wenn man berücksichtigt, dass das Pferd evolutionsbiologisch als Steppentier seinen gesamten Verdauungsapparat darauf ausgerichtet hat, Rohfaser im Dickdarm mithilfe von Mikroorganismen aufzuschließen, versteht man auch, warum wir heute vermeintlich glauben, das Pferd hat einen „empfindlichen Magen“:

Der Magen des Pferdes hatte in seiner Evolution einfach keine Chance zu „erlernen“, wie er mit Nährstoffen wie Zucker oder Stärke zurecht kommen soll. Hauptbestandteil von Getreiderationen, zuckerreichen Hochleistungsgräsern, Silagen und Heulagen oder auch Leckerlis wie Obst und Würfelzucker. Diese machen es nicht nur dem Magen schwer, die säurebildenden Substanzen ohne Schaden aufzufangen und weiterzugeben, sondern macht es vor allem den Einzellern in den hinteren Darmabschnitten unmöglich, ihre Arbeit zu verrichten. Es entsteht eine „dyshomöostatische, falsche“ Mikroorganismenansiedlung, die die Ernährung des Pferdes an ihrem Hauptort stört und aus dem Gleichgewicht bringt.


Magentherapie vs. Darmgesundheit

Oft hört man Sätze wie „Bei Stress bekommt der sofort wieder Magenprobleme. Da kann ich gleich auf Verdacht Gastrogard® füttern“.

Das ist eine verständliche Reaktion, schließlich will man seinem Pferd Schmerzen ersparen, sie muss aber vor dem Hintergrund eines gesunden Darmbioms mit Vorsicht betrachtet werden.

Reduziert man immer wieder mit Medikamenten die Säureproduktion im Magen, entsteht, auf den ersten Blick paradoxer Weise, vermehrt Lactat im Dickdarm. Und stört bzw. „tötet“ dort gute Darmmikroben ab. Während dessen sich die „falschen“, säureliebenden weiter verstärken. Eine verringerte Verdauungsleistung und „Nahrungsknappheit“ bis hin zu handfesten Stoffwechselentgleisungen wie EMS, Equines Metabolisches Syndrom oder Rehe können die Folge sein.

Daher ist eine Säurereduktion bei akuten Magengeschwüren richtig und gut. Langfristig ist sie jedoch problematisch bis kontraproduktiv hinsichtlich der „Gesundheit der Darmmikroben“.


Take-outs zur Fütterung und einem gesunden Pferdemagen

  • Der Dickdarm ist der Motor: Das Pferd ist ein „Hind-Gut-Fermenter“. Die eigentliche Energiegewinnung findet durch Mikroben im Blind- und Dickdarm statt, die Rohfaser in flüchtige Fettsäuren (SCFAs) umwandeln.

  • Rohfaser ist Grundnahrungsmittel, kein Ballaststoff: Während Menschen Ballaststoffe unverdaut ausscheiden, sind sie für Pferde die Hauptenergiequelle. Heu füttert man nicht nur „zur Beschäftigung des Magens“, sondern zur Lebenserhaltung.

  • Zucker und Stärke als Störfaktoren: Der Pferdemagen ist evolutionär nicht auf Getreide, Zucker oder Silage ausgelegt. Diese Stoffe bringen die Mikroflora im Blinddarm und Colon aus dem Gleichgewicht (Dysbiose). UND machen den Magen krank!

  • Die „Säure-Falle“ (Medikamente): Der Einsatz von Säureblockern (wie Gastrogard®) ist bei akuten Geschwüren sinnvoll, kann aber langfristig durchaus schaden:

    • Weniger Magensäure führt paradoxerweise zu mehr Laktat im Dickdarm.

    • Dies tötet nützliche Mikroben ab und fördert Stoffwechselkrankheiten wie EMS oder Rehe.

  • Eigene Apotheke im Darm: Ein gesunder Dickdarm produziert lebenswichtige Vitamine (B-Komplex, Biotin) selbst. Vitaminmangelzustände sind oft ein Zeichen dafür, dass dieser Prozess gestört ist.

Gemeinsam zur passenden Fütterungsstrategie

Pferdefütterung ist einfach: Ausreichend Rohfaser ist die Basis. Ist Ihr Pferd gut aufgestellt? Passt seine Ration zu seiner Stoffwechsellage bzw. fütterungsinduzierten Krankheiten? Wenn Sie die Fütterung Ihres Pferdes auf ein wissenschaftlich fundiertes Fundament stellen möchten, unterstütze ich Sie gerne mit einer objektiven Analyse und Beratung.

* Prof. Dr. Ellen Kienzle, "Supplemente zur Pferdeernährung"


 
 
 

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