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Welche Auswirkungen hat ein Beckenschiefstand beim Pferd?

Aktualisiert: 25. Okt. 2023

Jedes Pferd ist ein bisschen schief!

"Die natürliche Schiefe des Pferdes..." – daran arbeiten wir täglich in Bezug auf den Ausbildungspunkt der "Geraderichtung". Mit gymnastizierenden Übungen helfen wir dem Pferd, die Vorhand auf die Hinterhand einzurichten und dem Pferd auf allen Bewegungslinien, gebogen oder gerade, Stabilität zu verschaffen. Wir üben Stellung und Biegung auf gebogenen Linien, Seitengänge wie Schulterherein, Travers oder Renvers. Nicht zu vergessen, die alte Weisheit „innerer Schenkel zum äußeren Zügel“ :-D Mit der Zeit findet das Pferd „in seine Mitte“, über der wir als Reiter stabil zum Sitzen kommen können. Das Pferd kommt zum Tragen und kann seinen Rücken optimal und schonend einsetzen.

Aber biomechanisch betrachtet, muss vieles passen, damit ein Pferd gerade ist und bleibt:


1. Linkes und rechtes Hinterbein sind gleich lang und alle Gelenke der Hinterbeine führen links wie rechts das gleiche Bewegungsausmaß aus

2. Der Beckenring (linkes und rechtes Becken), das Verbindungsstück zwischen Hinterbeinen und Kreuzwirbelsäule, ist symmetrisch - es rotiert beidseits dreidimensional und gleichmäßig

3. Das Kreuzbein liegt über seiner rechten und linken Gelenkfläche, den Iliosakralgelenken, symmetrisch im Beckenring und kann den Schub von den Hinterbeinen gleichmäßig in die vorderen Wirbelsäulenabschnitte weitergeben.

4. Die Wirbelsäule (Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule bis hoch zum Genick), rotiert und neigt sich gleichmäßig nach rechts und links. Sie lässt so die Schubbewegung auf der rechten wie auf der linken Körperhälfte gleichmäßig nach vorne durch.

5. Der Brustkorb mit Brustbein, Rippen und Brustwirbeln „hängt und schwingt“ locker und gleichmäßig im Pferd zwischen den beiden Schultergliedmaßen.

6. Die Schultergliedmaßen und die Schulterblätter schwingen bzw. gleiten ungehindert links und rechts am Brustkorb vor und zurück und lassen den Schub auf der linken als auch auf der rechten Körperhälfte gleichermaßen nach vorne durch.

Beckenschiefstand beim Pferd: Was passiert da?

Das Becken ist Schaltstelle und Ort der Kraftübertragung zwischen dem Motor der Hinterbeine und dem Pferdekörper. Da es ringförmig ist und eine linke und rechte Hälfte aufweist, kann es sich sowohl nach vorne und hinten, nach rechts oder links, als auch nach oben und unten verschieben. Dabei bewegen sich rechte und linke Hälfte immer entgegengesetzt:

Beckenschiefstand beim Pferd erkennen
  • Schiebt sich die linke Hälfte nach oben, rutscht die rechte nach unten.

  • Kippt das rechte Becken nach rechts außen, zieht es die linke Hälfte „hinter sich her“

  • Schiebt sich die linke Hälfte nach vorne, verschiebt sich die rechte relativ gesehen nach hinten.

  • Ebenso kann das Becken mit seinem vorderen Anteil nach vorne/unten rotieren, quasi abkippen, oder mit dem hinteren nach hinten/oben. Auch hier reagiert die vordere Hälfte relativ zu hinteren.

Die Richtungen, in die ein Beckenschiefstand tendieren kann, sind also vielfältig und oft besteht die Schiefe aus einer Mischform dieser anatomisch möglichen Richtungen. Egal wohin das Becken „schief“ ist, immer ist damit verbunden, dass die Wirbelsäule dieser Schiefe folgt, denn sie ja in Form des Kreuzbeins über das Iliosakralgelenk im Becken „eingehängt“. Da die Wirbelsäule im weiteren Verlauf mit Rippen und Brustbein zwischen den Vorderbeinen aufgehängt ist, verschieben sich auch hier die Strukturen. Habe ich ein links nach unten stehendes Becken, rotiert die Wirbelsäule entsprechend nach links und zieht unter Umständen sogar die Schulter vorne links mit nach unten. Dies hat weitere Auswirkung auf den tiefsten Punkt der Halswirbelsäule, dieser wird ebenfalls rotieren und einseitig komprimieren. Damit zieht sich ein Beckenschiefstand schnell bis hoch zum Genick.


Aus „schief“ wird „normal“:

Im gesamten Pferdekörper entstehen Kompensationsmuster, die die Schiefe weiter stabilisieren. Mit der Zeit adaptiert das Nervensystem diese Kompensationen und was eigentlich schief ist, wird vom Pferd als gerade ahrgenommen. Das ist ein völlig physiologischer und wichtiger Mechanismus, der zunächst einmal Schmerz mildert. Stellt sich die Symmetrie jedoch nicht rechtzeitig wieder her, ziehen diese Adaptionsprozesse weite Kreise: Die Schiefe wird zur Normalstellung, Muskeln verkürzen und verhärten sich weiter schmerzhaft, während sie auf der gegenüberliegenden Seite überdehnen. Gelenke, z.B. der Wirbelsäule, bewegen sich nicht kongruent, sondern überlasten einseitig und können über die Zeit Schaden nehmen. Auch nach unten, also Richtung Hintergliedmaßengelenke, können Gelenke mit der Zeit blockieren, da sie immer wieder ungleich Last aufnehmen müssen.


Was bedeutet ein Beckenschiefstand fürs Reiten?

Ein Pferd mit einem Beckenschiefstand kann auf die Dauer nicht geradegerichtet sein. Biegende, geraderichtende Übungen fallen zu einer Seite besonders schwer oder haben sogar Widersetzlichkeiten zu Folge. Meist stellt sich ein übertriebener Unterschied von „Schokoladenseite“ und „Zwangsseite“ ein.

Ursachen für einen Beckenschiefstand gibt es viele:

  • Einseitiges Training auf der vermeintlichen „Schokoladenseite“, schiefes Euquipment, ein schiefer Reiter…

  • Angeborene, tatsächliche Beinlängendifferenzen beim Pferd

  • Schmerzen/Blockaden in den unteren Gliedmaßengelenken: Das schmerzfreie Bein nimmt immer mehr Last auf, als das schmerzende. In der Folge schiebt sich eine Beckenhälfte nach oben, die andere nach unten.

  • Unfälle im Stall und auf der Weide, wie z.B.: Das Pferd tritt mit einem Hinterbein in ein Loch, bleibt mit einem Hüfthöcker am Scheunentor „hängen“, rutscht mit einem Hinterbein unter den Bauch oder nach hinten weg, „fällt“ mit einem Bein rückwärts die Hängerrampe runter…

Auf diese Anzeichen für einen Beckenschiefstand solltest du beim Reiten achten:

  • Im Gangbild zeigen Pferde von hinten betrachtet einen Höhenunterschied in linker und rechter Kruppe. Oft atrophiert, also verkümmert die Muskulatur auf einer Seite deutlich sichtbar.

  • Der Schweif kippt nach oben oder wird nach unten angeklemmt. Er rotiert sichtbar zu einer Seite.

  • Probleme beim Angaloppieren auf einer Hand, auch Probleme beim Umspringen

  • Probleme auf gebogenen Linien (über die Schulter hereinfallen, mit der Hinterhand ausweichen)

  • In Schritt und Trab ergeben sich unterschiedliche Schrittlängen, um dem Dehnungsschmerz auszuweichen. Das Pferd verliert an Takt.

  • Allgemeine Probleme in der Durchlässigkeit und im Fluss „von hinten nach vorne“

  • Das Genick, die Verbindung zwischen erstem Halswirbel und Hinterhauptsbein, blockiert und das Pferd weicht dem Schmerz mit Verwerfen aus. Der Hals „rotiert“ in eine Richtung

  • Die Anlehnung wird zu einer Seite unstet, zur anderen zu stramm

  • Der Reiter kommt mit seinem eigenen Becken nicht zum symmetrischen Einsitzen: Das Pferd setzt ihn mit einem Sitzbeinhöcker immer wieder auf einer Seite tiefer. Oft reagieren wir Reiter darauf ebenfalls mit einem Kompensationsmuster, dem Einknicken in der Hüfte. Und auch unser Nervensystem speichert diese Fehlstellung bald als Normalstellung ab. Ein Teufelskreis beginnt.


Erkennst du Probleme wie diese bei deinem Pferd wieder?

Ein Beckenschiefstand sollte zügig korrigiert werden, um die beschriebene Kompensationskette schnell zu durchbrechen und deinem Pferd eine schmerzfreie, gymnastizierende Trainingsarbeit zu ermöglichen. Eine gründliche Ganganalyse und Befundung mit anschließender manueller Therapie können deinem Pferd effektiv helfen, wieder in seine Symmetrie zu finden.



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