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Magengeschwüre beim Pferd: Wo beginnt das Problem wirklich?

Aktualisiert: vor 1 Stunde

Wir hören im Stall häufig Sätze wie „Das ist ein Magenpferd“. Oder „Meiner bekommt immer wieder Magenprobleme, sobald der unter Stress gerät“. Vielleicht haben wir sogar beim eigenen Pferd immer wieder mit Magenproblemen zu kämpfen.

Wir versuchen alle mittlerweile zu beherzigen:

  • Das Pferd ist ein Dauerfresser

  • Es dürfen keine Fresspausen von mehr als 4 Stunden vorkommen

  • Das Pferd soll mindestens 12,5 Stunden des Tages mit Futtersuche und -aufnahme beschäftigt sein

  • Und vor allem: Heu ist wichtig, mind. 1,5 kg bis 2 kg pro 100 kg Körpergewicht müssen es sein

Und warum sind diese Vorgaben so? Weil der Magen des Pferdes einfach überempfindlich ist? Man könnte ja tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass der Magen vielleicht eine Schwachstelle des Pferdes ist. Man kann als Pferdebesitzer ja auf die Idee kommen, dass man deswegen Heu füttert, um den empfindlichen Magen des Pferdes zu beruhigen. Damit der "was zu tun hat“. Und manchmal fühlt es sich schon so an, dass Magenprobleme beim Pferd irgendwie zum allgemeinen Management dazu gehören und man am besten gleich eine Portion Gastrogard im Schrank haben sollte.

Tatsächlich aber haben Pferde evolutionsbiologisch einen hochspezialisierten Verdauungsapparat entwickelt, der perfekt darauf ausgerichtet ist, Rohfaser aufzuschließen. Sprich: dröges, spelziges, hölzernes Steppengras. Oder eben hierzulande: Heu.

Nicht nur für das „Magenpferd“, sondern für jedes Pferd, sollte man sich daher immer wieder klarmachen:

„Der Verdauungsapparat des Pferdes ist keine Fehlkonstruktion!“ * 

Auch nicht sein Magen. Verdauungsphysiologisch betrachtet, ist unsere Fixierung auf den Magen des Pferdes nur die halbe Wahrheit und zu kurz gedacht.

Der "Hind-Gut-Fermenter" Pferd

Wir sehen den Pferdemagen oft durch unsere menschliche Brille. Denn unsere Verdauung erledingt viele essenzielle Verdauungsabläufe schon in den vorderen Abschnitten, wie Magen und Dünndarm. Beim Pferd jedoch liegt der Fokus der Verdauung viel weiter hinten: im Dickdarm. Als „Hind-Gut-Fermenter“ hat das Pferd ein Verdauungsprinzip entwickelt, das perfekt darauf ausgelegt ist, die Substanz „aufzuknacken“, die wir Menschen und alle Säugetiere unverwertet wieder ausscheiden müssen: nämlich Rohfaser: Faserige Gerüstsubstanzen aus Cellulose, Hemicellulose oder Lignin. Das, was in unserer menschlichen Ernährung als „Ballaststoff“ bezeichnet wird und das wir durch unseren Verdauungskanal nur durchschleusen. Uns Menschen und allen Säugetieren fehlt das entsprechende Verdauungsenzym, die Cellulase.

Pferde aber können Rohfaser trotzdem verwerten: Milliarden an Einzellern, die in den hinteren Darmabschnitten ("behind the gut") im Dickdarm des Pferdes leben, knacken „in seinem Auftrag“ jene faserigen, holzigen Substanzen auf. Wie? Indem sie in ihrem Mikroben-Stoffwechsel Cellulase bilden und diese dem Pferd "zur Verfügung stellen". So gelingt es dem Pferd, aus trockenem Raufutter wie Heu und Stroh mithilfe seiner Dickdarmflora Energie zu gewinnen: So werden flüchtige Fettsäuren produziert, die über die Darmwände absorbiert werden. Und von diesen sogenannten „Short-Chain-Fatty-Acids“, SCFAs, ernährt sich das Pferd.

Was heißt das für den Magen des Pferdes?

Das Pferd hat als Steppentier seinen Verdauungsapparat über Millionen Jahre auf Rohfaser spezialisiert. Der Magen des Pferdes hatte also weder die Notwendigkeit, noch die Chance, sich in seiner Evolution an Nährstoffe wie Zucker und Stärke anzupassen. Hauptbestandteil von Getreiderationen, zuckerreichen Hochleistungs-Weide-Gräsern oder auch von Obst und melassierten Pellets. Der Pferdemagen verfügt in seiner Magenschleimhaut über einen drüsenlosen Teil, der so nicht gut von Schleim geschützt ist, und daher empfindlich auf Säure aus Zuckern und Stärke reagiert.


Also doch eine Fehlkonstruktion? Nein, denn über diesen drüsenlosen Schleimhautteil ist der Pferdemagen in der Lage Verdauungsgase, wie Methan oder CO2, ins Blut zu entlassen. Der Pferdemagen ist eine Einbahnstraße, aus dem es weder vorgesehen ist, einmal geschlucktes wieder hoch zu würgen, noch Gase ab zu rülpsen, wie etwa wir Menschen das tun. Kein Problem also, der Pferdemagen, sondern top spezialisiert. Nur eben nicht auf Zucker und Stärke und die daraus entstehende Milchsäure (Lactat).


Obwohl uns Magengeschwüre beim Pferd vorrangig erscheinen, richtet Lactat aus zucker- und stärkereicher Fütterung gerade und besonders große Schäden an der Mikroflora des Dickdarms an. Denn auch die für das Pferd existenzsichernden und auf Rohfaser eingestellten Einzeller können damit in Mengen nichts anfangen. Sie machen sich zunächst darüber her, um dann millionenfach abzusterben. Es entsteht eine „dyshomöostatische", für das Pferde einfach „falsche“ Mikroorganismenansiedlung, die die Verdauung und Energiegewinnung des Pferdes an ihrem Hauptort stört und aus dem Gleichgewicht bringt.


Magengeschwüre beim Pferd mehr von hinten denken

Es ist ein griffiges Bild, sich vorzustellen, dass wir mit Rohfaser in erster Linie die darauf spezialisierte Dickdarmflora füttern und pflegen - und über diese dann unser Pferd. Also ist immer die richtige Frage:

„Füttere ich der Mikroflora im Blind- bzw. Dickdarm meines Pferdes genug Rohfaser, sodass es ihr gut geht und sie mein Pferd ausreichend mit Energie versorgt“?

Neben der Produktion der SCFAs ist eine gesunde Mikroflora übrigens auch verantwortlich für die Synthese wichtiger Vitamine, wie z.B. dem B-Komplex, essenziell für Energie- und Nervenstoffwechsel. Und wir alle wissen, wie wichtig ein gutes Nervenkostüm für die Magengesundheit ist. Oder dem Vitamin H (Biotin), das für gute Hufe, Haut, Haar verantwortlich ist. Ebenso ist das Pferd in der Lage, alle Aminosäuren, auch die essenziellen, hier zu produzieren.


Die Idee, den Pferdemagen symptombezogen mit säurereduzierenden Medikamenten wie Omeprazol (Gastrogard) zu behandeln, ist absolut richtig, wenn akute Probleme bereits bestehen. Dennoch muss sie vor dem Hintergrund eines gesunden Darmbioms mit Vorsicht betrachtet werden:

Reduziert man immer wieder mit Medikamenten die Säureproduktion im Magen, entsteht, auf den ersten Blick paradoxer Weise, vermehrt Lactat im Dickdarm. Denn Säurereduktion führt zur Störung der Vorverdauung in Magen und Dünndarn. Damit landet mehr Lactat weiter hinten und stört bzw. „tötet“ dort gute Darmmikroben ab. Während dessen sich die „falschen“, säureliebenden weiter verstärken. Ebenso ist die Magensäure dazu da, schlechte Bakterien abzutöten, die ebenfalls Schäden an der Mikroflora anrichten können.

Eine verringerte Verdauungsleistung und „Nahrungsknappheit“ bis hin zu handfesten Stoffwechselentgleisungen wie EMS, Equines Metabolisches Syndrom, oder Rehe können tatsächlich die Folge sein.

Eine Säurereduktion ist bei akuten Magengeschwüren richtig und gut. Langfristig und „immer wieder“ ist sie jedoch problematisch bis kontraproduktiv hinsichtlich der Gesundheit der Darmmikroben.

Take-outs zur Magengesundheit des Pferdes:

  • Keine Fehlkonstruktion: Der Pferdemagen ist kein „Sensibelchen“, sondern Teil eines top spezialisierten Verdauungssystems für Rohfaser.

  • Fokus Dickdarm: Das Pferd ist ein „Hind-Gut-Fermenter“. Du fütterst nicht nur das Pferd, sondern Milliarden von Mikroben, die für dein Pferd Energie und Vitamine produzieren.

  • Zucker & Stärke als Endgegner: Zu viel Stärke und Zucker, wie in Kraftfutter oder Obst, zerstören das Gleichgewicht im Dickdarm und führen zu gefährlicher Milchsäurebildung (Lactat).

  • Vorsicht bei Säureblockern: Medikamente wie Gastrogard sind im Akutfall wichtig, können aber langfristig die Darmflora stören, da die schützende Barrierefunktion der Magensäure fehlt.

  • Die goldene Regel: Wer den Magen schützen will, muss den Dickdarm und seine Mikroben pflegen. Ausreichend Rohfaser ist die beste Medizin!


Pferde brauchen Rohfaser

 

Gemeinsam zur passenden Fütterungsstrategie:

Pferdefütterung ist einfach: Ausreichend Rohfaser ist die Basis. Ist dein Pferd gut aufgestellt? Passt seine Ration zu seiner Stoffwechsellage bzw. fütterungsinduzierten Krankheiten? Wenn du die Fütterung deines Pferdes auf ein wissenschaftlich fundiertes Fundament stellen möchtest, unterstütze ich dich gern mit einer objektiven Analyse und Beratung.

* Prof. Dr. Ellen Kienzle, "Supplemente zur Pferdeernährung"


 
 
 

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