Osteopathisches Training nach biotensegralen Prinzipien hilft dem Pferd sich selbst zu helfen
- Kirstin Schmitt

- vor 21 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Der nachhaltige Weg aus der Trageschwäche.
Falsche Bewegungsmuster sitzen tief und zeigen sich vermeintlich trainings- und therapieresistent. Ein typisches Beispiel ist die „festgehaltene Oberlinie", die über kurz oder lang zur Trageerschöpfung führen kann: Balance und Stabilität werden über Spannung in Hals und Rücken hergestellt, anstatt über die eigentliche Tragemuskulatur. Falsche Muskel- und Faszienzüge verhindern aktiv, dass das Pferd seinen wichtigsten Rumpfträgermuskel ansteuern kann (M. serratus ventralis). Es entsteht ein Bewegungsmuster, das zur Schwächung und Überdehnung des Rumpfträgers führt, weil Muskeln übermäßig angespannt und benutzt werden, die eigentlich andere biomechanische Aufgaben haben.
Ein gut sichtbarer Indikator – im Zusammenspiel mit weiteren Befunden – kann der Rautenmuskel (M. rhomboideus) sein, wenn er am oberen Halsverlauf des Pferdes als strangartiger Muskel hervortritt. Bei chronischer Verspannung fixiert er Schulterblätter und Hals und behindert ein freies Vorschwingen der Vorderbeine. Der wichtigste Rückführer der Vorderbeine (M. latissimus dorsi) erstarrt in der Bewegung. Das Vorderbein bleibt mehr und mehr zwischen vorwärts und rückwärts hängen. Der Bewegungsausschlag wird kleiner, die Schulterfreiheit verschwindet. Die Brustmuskulatur verspannt zusätzlich und zieht die Vorderbeine dichter an den Rumpf. Der lange Rückenmuskel macht dicht und übernimmt eine Funktion als Tragemuskel – ein Job, für den er biomechanisch nicht vorgesehen ist.
Gründe für falsche Bewegungsmuster und die daraus entstehende Trageschwäche gibt es viele: unbewusst falsches oder inkonsequentes Training, unpassendes Equipment, stressige Haltungsbedingungen. In der heutigen Warmblutzucht wird zudem klinisch beobachtet, dass Pferde zwar immer elastischer werden, damit aber auch anfälliger für muskuläre und fasziale „Überdehnungen" und Schwächen sein können.
Die Rolle des Nervensystems bei der Ausbildung einer Trageerschöpfung
Die Folge von Trageschwäche oder einer manifesten Trageerschöpfung ist eine komplexe, systemische Veränderung der
zentralnervösen Verarbeitung von Muskel- und Faszienspannung. Das Nervensystem speichert anhaltende Kompensationsmuster zunehmend als „neutralen Normalzustand" ab. Diese Anpassung verhindert mit der Zeit, dass das Pferd seine korrekte Tragemuskulatur und seine gesunden Bewegungsmuster ohne gezielte Hilfe wiederfindet.
Ein Teufelskreis kommt in Gang: Je länger myofasziale Kompensationen anhalten, desto stabiler werden die zugehörigen motorischen Muster im Nervensystem. Das Fasziensystem folgt der veränderten Spannung, indem es Kraftlinien ausbildet, die nicht dem physiologischen Bewegungsablauf entsprechen. In dieser Phase können myofasziale Schmerzen entstehen, die das Pferd in Körper und Verhalten beeinträchtigen.
Sind diese Muster einmal etabliert, reichen rein punktuelle manuelle Therapien oder isolierte Trainingsreize häufig nicht aus, um das Pferd nachhaltig in ein gesundes Bewegungsmuster zurückzuführen.
Genau hier setzt osteopathisches Pferdetraining nach biotensegralen Prinzipien an:
Schritt für Schritt lernt das Pferd, sich seine festgehaltenen Spannungsmuster aktiv bewusst zu machen, selbst zu lösen und durch funktionalere Muster zu ersetzen. Zum Einsatz kommen manuelle Techniken und gezielte Übungen, die mit dem Nervensystem des Pferdes arbeiten, anstatt „nur" Muskeln und Gelenke zu manipulieren.
Hintergrund: Was bedeutet „biotensegrale Prinzipien"?
Die Biotensegrität ist ein Erklärungsmodell für Bewegung und Stabilität, das den Körper als Spannungs-Druck-System aus Muskeln und Faszien begreift. Bewegung wird dabei nicht mehr ausschließlich als Hebelmechanik einzelner Muskeln verstanden, sondern als ganzheitliches Zusammenspiel myofaszialer Ketten. Im osteopathischen Training nutze ich dieses Modell als Denk- und Handlungsrahmen, um das Pferd in seinen funktionalen Zusammenhängen zu unterstützen.
Osteopathisches Pferdetraining nach biotensegralen Prinzipien - in 3 Schritten raus aus der Trageschwäche:
Schritt 1: Das Pferd löst aktiv seine falsche Spannung

Zunächst wird das Pferd auf die entscheidenden Bereiche festgehaltener Spannungsmuster aufmerksam gemacht. Es horcht in Ruhe in die verspannte Struktur hinein und lernt, auf sanften Druck mit Entspannung zu reagieren. So lässt das Pferd die Spannung aktiv los. Für einen Moment verlässt es sein gewohntes Bewegungsmuster und erfährt eine direkte Entlastung. Mit zunehmender Wiederholung erhält das Nervensystem die Chance zur Neuorientierung am gesunden Muster.
Schritt 2: Das Pferd re-mobilisiert wichtige, festgehaltene Strukturen
Anders als bei rein manuellen Therapien hat das Pferd jetzt bereits gelernt, seine bisherige „Normalstellung" selbst zu hinterfragen. Nun nutzen wir das erlernte Verständnis von „Druck und Nachgeben", um das Pferd von muskulären „Verhinderern" zu befreien. Es lernt, Bereiche der Oberlinie wieder zu bewegen, die nicht für statisches Halten und Tragen, sondern für aktive Bewegung gemacht sind. Nach und nach findet zum Beispiel der lange Rückenmuskel wieder in lockeres An- und Abspannen zurück. Die festgeklemmten Schulterblätter lösen sich vom Rumpf und können wieder frei vor- und zurückrotieren.

Schritt 3: Das Pferd steuert seinen wichtigsten Rumpfträger aktiv an
Das Pferd hat gelernt, sich seinen Körper bewusst zu machen und problematische Spannungen gezielt anzusteuern und zu lösen. Dieses neue Körpergefühl wird nun positiv genutzt, um genau die Muskel- und Faszienzüge zu aktivieren, die für ein gesundes Bewegungsmuster gebraucht werden. Vorrangig kann jetzt der wichtigste Rumpfträgermuskel, der M. serratus ventralis, gezielt angesteuert werden. Mit den Übungen wird das Pferd schrittweise stabiler und freier in seiner Bewegung.
Wirkung auf Körper und Psyche
Das osteopathische Pferdetraining nach biotensegralen Prinzipien fördert über das neue Körpergefühl auch die psychische Entspannung des Pferdes:
Auf physiologischer Ebene findet eine Neuausrichtung der muskulären Ruhespannung und der faszialen Kraftlinien statt.
Auf psychologischer Ebene gewinnt das Pferd Vertrauen in seinen eigenen Bewegungsapparat und kann erlernte Bewegungsideen eigenständig auf neue Anforderungen übertragen.
Aufbau und Dosierung des osteopathischen Trainings
Alle Übungen der Schritte 1 bis 3 finden vom Boden aus statt. Wir starten im Stand und entwickeln Schritt, Trab und Galopp behutsam neu. Lernen braucht dabei sowohl Wiederholung als auch Pausen – neuroplastische Veränderungen benötigen Zeit zur Festigung. Regelmäßige, dafür aber kürzere Einheiten sind in der Regel nachhaltiger als seltene, intensive Trainings.
Das Training kann eigenständig durchgeführt werden – etwa als Reha-Begleitung – oder ergänzend zur Reitarbeit. So findet das Pferd auch unterm Sattel zurück zu Balance und Selbstbewusstsein.
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